Warum sprechen alle über Burnout und keiner über Boreout?

Warum sprechen alle über Burnout und keiner über Boreout?

April 2, 2019 0 Von Laura Putschies

Wer an Burnout leidet, ist am Arbeitsplatz chronisch überfordert. Der Begriff Bornout stammt aus dem Englischen und bedeutet „ausgebrannt-sein“. Doch wer sich am Arbeitsplatz chronisch unterfordert fühlt, leidet an Boreout. Boreout kann beschrieben werden als „ausgelangweilt-sein“. Während die meisten Menschen mittlerweile die Krankheit Burnout kennen, weiß kaum einer von der kleinen Schwester Boreout Bescheid. Doch warum Sie als Vorgesetzter eines Unternehmens nicht nur Burnout, sondern auch Boreout kennen sollten und was Sie zur Prävention von Boreout bei Ihren Mitarbeitern tun können, erfahren Sie in diesem Artikel.

Bei diesem Artikel handelt es sich nicht um einen Ratgeber für den Umgang mit der Krankheit Boreout. Er dient lediglich dazu zu informieren, dass es neben Burnout auch Boreout gibt, warum Boreout eher unbekannt ist und der Artikel gibt Vorgesetzten erste Tipps zur Prävention.

Burnout kennen wir

Die Krankheit Burnout kennen wir seit geraumer Zeit als häufig auftretende Krankheit in unserer Leistungsgesellschaft. Fast jeder kennt heutzutage jemanden, der an Burnout leidet. Wenn es keine Person ist, die Sie aus dem privaten Umfeld kennen, dann kennen Sie diese, weil sie Prominent ist. Immer wieder bekennen sich Prominente als Opfer der Krankheit Burnout und Medien berichten darüber. Unsere Gesellschaft strebt nach Leistung. Arbeitnehmer sind in der heutigen Welt darauf trainiert Leistung zu erbringen – und das ständig. Ob Privat oder im Beruf: Leerlauf wird als negativ angesehen. Wer ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein möchte, hat seinen Beitrag zu leisten.

Symptome von Burnout und Boreout

Sie leiden unter Niedergeschlagenheit, anhaltender Müdigkeit, Erschöpfung, nachlassender Leistungsfähigkeit, innerer Leere und ziehen sich immer mehr zurück. Zudem weisen Sie körperliche Symptome auf wie beispielsweise Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Rückenschmerzen. Eventuell leiden Sie an einer Depression. Diagnose: Burnout.

Sie leiden unter Niedergeschlagenheit, anhaltender Müdigkeit, Erschöpfung, Lustlosigkeit und ziehen sich immer mehr zurück. Zudem weisen Sie körperliche Symptome auf wie beispielsweise Schwindelgefühle, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen, Schlafstörungen. Eventuell leiden Sie an einer Depression. Diagnose: Boreout.

Die Symptome sind sehr ähnlich. Warum wird Burnout dann als ernstzunehmende Krankheit dargestellt und über Boreout kaum gesprochen?

Warum kennt kaum einer Boreout?

Der Mitarbeiter fühlt sich unterfordert und gelangweilt. Seine Arbeit lastet ihn nicht aus und er verliert das Interesse an täglichen Tätigkeiten. Der Mitarbeiter leidet damit unter Boreout – eine Krankheit, die kaum bekannt ist. Denn paradoxerweise geben unterforderte Mitarbeiter, die an einem Boreout leiden häufig vor, dass sie sehr beschäftigt sind. Sie erzählen Kollegen, Vorgesetzten und auch Freunden und Familie wie ausgelastet und gestresst sie auf der Arbeit sind. Beispielsweise erzählen sie von langen Todo-Listen, machen sogar Überstunden und tuen so als hätten sie viel zu tun.

Wie kann man denn auch in einer Zeit, in der Leistung am Arbeitsplatz und im Privatleben das absolute Maß aller Dinge darstellt, über Unterforderung und Langeweile sprechen? Wie soll man zugeben, dass man nur wenig Leistung erbringt? Schließlich würde man sich dann als weniger wertvolles Mitglied der Gesellschaft outen, oder?

So versucht ein Boreout-Betroffener mit verschiedenen Mitteln beschäftigt zu wirken. Beispielsweise hat der Vorgesetzte den Eindruck der Mitarbeiter ist fleißig am Arbeiten, da er viele Stunden auf den Bildschirm starrt und tippt. In Wirklichkeit surft der Mitarbeiter im Internet, um den nächsten Urlaub zu buchen und neue Schuhe bei seinem Lieblings-Onlineshop zu bestellen. Da dieser Mitarbeiter viel Energie investiert, um nicht aufzufallen, ist er gestresst. Zudem besteht die ständige Angst beim „Nichtstun“ erwischt zu werden. Das bedeutet, dass der Mitarbeiter gestresst ist, obwohl er eigentlich an Langeweile leidet.

Da Menschen, die „ausgelangweilt“ sind, sich in unserer Gesellschaft schwer tun ihre Unterforderung und Langeweile Preis zu geben, wird wenig darüber gesprochen. Stellen Sie sich folgendes vor:

Sie haben zwei Freunde. Einer sagt Ihnen, dass er auf der Arbeit wieder kaum etwas zu tun hatte und sich sehr gelangweilt hat. Der andere sagt, dass er auf der Arbeit wieder sehr viel zu tun hatte und seine Arbeit zeitlich kaum bewältigen konnte. Würden Sie die Probleme beider Freunde als negativ auffassen? Oder würden Sie Ihren Freund mit Langeweile sogar beneiden, weil Sie denken er hatte wieder einmal Zeit seine Füße hochzulegen?

Auch bei einem Arztgespräch erläutern Betroffene Symptome, die ja sehr ähnlich zu Burnout sind, ohne dabei eine Unterforderung zu erwähnen. Dadurch wird nicht selten ein Burnout anstatt eines Boreouts diagnostiziert.

Somit wird in unserer Leistungsgesellschaft vermehrt über Burnout gesprochen, während über Boreout nicht selten geschwiegen wird. Obwohl diese Krankheit existiert und sie sehr ähnliche Symptome wie Burnout aufweist, kennen sie im Gegensatz zu Burnout nur wenige.

Gibt es bestimmte Berufsgruppen, die häufiger an der Krankheit leiden?

Laut den Schweizer Unternehmensberatern Philippe Rothlin und Peter Werder, welche den Begriff Boreout prägten, leidet jeder zehnte Beschäftigte an der Krankheit.

Menschen, die an Unterforderung leiden, verrichten zum Beispiel eine Arbeit, die unter Ihrer Qualifikation und unter ihren persönlichen Ansprüchen liegt. Zudem kann Langeweile entstehen, wenn eine Arbeitsstelle überwiegend und regelmäßig aus monotonen Aufgaben besteht.

Besonders betroffen von Boreout sind bestimmte Berufsgruppen wie:

  • Arbeitnehmer in der Verwaltung
  • Beamte
  • Arbeitnehmer in der Finanzindustrie
  • Verkäufer
  • „Schreibtisch-Arbeiten“ im Allgemeinen

Leiden meine Mitarbeiter bereits unter Boreout?

Für den Vorgesetzten kann es sehr schwierig sein, zu erkennen, ob Mitarbeiter an Boreout leiden. Schließlich ist ein Teil der Krankheit häufig, dass Mitarbeiter eine Unterforderung nicht zugeben. Sie fürchten um Ihren Job, da dem Vorgesetzten vermittelt würde, dass sie wenig leisten und die Stelle nicht genügend Arbeit für eine volle Stelle aufweist.  

Arbeitnehmer mit Boreout weisen verschiedene Anzeichen auf, die ein Vorgesetzter nicht erkennen kann. Es sei denn der Arbeitnehmer teilt dies mit. Dazu gehören zum Beispiel folgende Anzeichen:

  • Der Mitarbeiter fragt sich, welchen Sinn seine Tätigkeit hat und vermisst eine tiefere Bedeutung.
  • Der Mitarbeiter hat das Gefühl er würde seine Arbeitszeit nur absitzen.
  • Der Mitarbeiter fühlt sich unterfordert und gelangweilt.
  • Der Mitarbeiter ist unglücklich mit seiner Arbeit und würde lieber etwas anderes machen.
  • Der Mitarbeiter erledigt heimlich private Dinge am Arbeitsplatz.

Es gibt jedoch auch bestimmte Anzeichen, die Sie als Vorgesetzter erkennen können:

  • Der Mitarbeiter wirkt ständig beschäftigt und engagiert. Er hat viele Dokumente auf seinem Schreibtisch liegen, um die Menge anfallender Arbeit vor zu täuschen.
  • Der Mitarbeiter tippt betont laut, wenn Sie in der Nähe sind.
  • Der Mitarbeiter eilt durch Gänge und wirkt häufig hektisch.
  • Der Mitarbeiter plant mehr Zeit für Projekte ein als nötig.
  • Der Mitarbeiter spricht auffällig häufig von Arbeitsüberlastung.
  • Der Mitarbeiter erscheint gegebenenfalls aggressiv und unreflektiert oder lustlos und introvertiert.
  • Der Mitarbeiter vermeidet die Kommunikation und hat eine pessimistische Einstellung.
  • Der Mitarbeiter macht häufig Überstunden, während andere Mitarbeiter mit gleichen oder ähnlichen Aufgaben keine Überstunden benötigen.
  • Der Mitarbeiter möchte nicht mit dem Rücken zu anderen Kollegen oder einer Tür sitzen. Darauf besteht er beispielsweise, wenn es einen Umzug innerhalb des Unternehmens gibt.
  • Der Mitarbeiter scheint erschöpft und seine Leistungsfähigkeit sinkt.

Auch wenn dies einige Anzeichen sind, die erkannt werden können, erweist sich dies in der Praxis für einen Vorgesetzten als sehr schwierig. Verhaltensweisen verändern sich häufig auch schleichend über einen längeren Zeitraum. Dadurch ist es nicht einfach, die Veränderungen zu bemerken.

Was kann ich als Vorgesetzter tun, um zu vermeiden, dass meine Mitarbeiter an Boreout erkranken?

1. Machen Sie sich mit der Krankheit und den Anzeichen bekannt

Zu allererst:  Es ist wichtig, dass Sie sich als Vorgesetzter über die Krankheit informieren und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es nicht nur Burnout, sondern auch Boreout gibt. Da Boreout-Betroffene ihre Unterforderung häufig nicht ansprechen, ist es hilfreich, die verschiedenen Anzeichen zu kennen. Achten Sie auf Täuschungsstrategien: Ist Ihr Mitarbeiter viel beschäftigt oder tut er nur so?

2. Überprüfen Sie den Bewerbungsprozess

Geben Sie Acht, dass die gewünschten Anforderungen an einen neuen Mitarbeiter in der Stellenausschreibung zu der Stelle passen. Setzen Sie höhere Qualifikationen an, als der Mitarbeiter für die Stelle wirklich benötigt, erhöhen Sie die Wahrscheinlichkeit an Boreout zu erkranken. Schließlich startet der neue Mitarbeiter mit zu hohen Erwartungen in den Arbeitsalltag.

Denken Sie daran: Nicht immer ist eine Person mit den höchsten Qualifikationen und den besten Noten die beste Wahl.

3. Vermeiden Sie unflexible Arbeitssysteme

Führen Sie ein Unternehmen mit festen Arbeitszeiten und einer starren Anwesenheitspflicht (z. B. Nine-to-five-Job) müssen Mitarbeiter auch anwesend sein, wenn nichts mehr zu tun ist. Bieten Sie hingegen Gleitzeit oder Vertrauensarbeitszeit an, können Mitarbeiter beispielsweise um 16 Uhr anstatt um 17 Uhr nach Hause gehen, wenn nichts mehr zu tun ist. In stressigen Phasen können sie diese Stunde dann wieder nachholen. Auch Homeoffice kann helfen Langeweile, Präsentismus und unnötige Überstunde zu vermeiden.

4. Übergeben Sie Verantwortung

Wenn Sie darauf achten, Ihren Mitarbeitern nicht nur monotone Aufgaben zu übergeben, sondern anspruchsvolle Aufgaben delegieren und ihnen Verantwortung übertragen, können Sie einer Unterforderung vorbeugen.

5. Schaffen Sie Vertrauen

Mitarbeiter, die sich Ihrem Vorgesetzten anvertrauen können, werden eher eine Unterforderung oder Langeweile ansprechen. Zeigen Sie Ihren Mitarbeitern, dass Sie mit Ihnen sprechen können. Gestehen Sie selbst Schwächen gegenüber Ihren Mitarbeitern und sorgen Sie für eine offene Kommunikationsstruktur. Schaffen Sie eine angenehme Atmosphäre. Beispielsweise schaffen Sie diese durch regelmäßige gemeinsame Frühstückstreffen.

Fazit

Chronische Unterforderung und Langeweile am Arbeitsplatz kann zu Boreout führen. Betroffene leiden unter Krankheitssymptomen, die denen eines Burnout sehr ähneln. Während Burnout sich jedoch als anerkannte Krankheit etabliert hat, kennen viele Boreout nicht einmal, nehmen es nicht ernst oder trauen sich nicht darüber zu sprechen.

Geschuldet ist dies unserer Leistungsgesellschaft. Stress durch Überforderung wird akzeptiert, da es bedeutet, dass jemand Leistung erbringt und ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft darstellt. Stress durch Unterforderung wird jedoch nicht akzeptiert, da es bedeutet, dass jemand keine Leistung erbringt und somit kein wichtiges Mitglied der Gesellschaft darstellt. Hier ist ein Umdenken von Nöten. Schließlich kann es jedem passieren, dass er eine Arbeitsstelle erhält, die ihn unterfordert, oder?